GRÜNDUNG-AKTUELL 20 / 2007 - 20.01.2007
Motivation der Entscheidung zur Selbstständigkeit
Leben Gründungen aus der Not heraus kürzer?
von Dipl.-Kfm. Jörn Block und Dipl.-Kfm. Philipp Sandner

Der Schritt in die Selbstständigkeit kann eine freiwillige Entscheidung oder auch eine Entscheidung aus der Not heraus darstellen. Wir untersuchen in unserem Beitrag, ob diese unterschiedlichen Beweggründe der Entscheidung zur Selbständigkeit einen Einfluss auf den Erfolg der Gründung haben. Unsere Untersuchung ergab: Die beiden Gründertypen unterscheiden sich in ihren Eigenschaften stark. Gründer, die sich aus der Not heraus selbstständig machen, sind im Durchschnitt älter, waren vor dem Eintritt in die Selbständigkeit länger arbeitslos, kommen eher aus Ostdeutschland und sind seltener in dem Berufsfeld ausgebildet, in dem sie ihre Gründung durchführen.

Jörn BlockIn der wirtschaftspolitischen Diskussion sowie im Global Entrepreneurship Monitor (GEM) wird zwischen Gründern, die eine ihnen günstig erscheinende Geschäftsidee umsetzen wollen (engl.: opportunity entrepreneurs) und Gründern, die aus der Not heraus den Schritt in die Selbstständigkeit wagen (engl.: necessity entrepreneurs), unterschieden. Der Anteil an Gründungen aus der Not ist in Deutschland mit einem Anteil von ca. einem Drittel im internationalen Vergleich überdurchschnittlich hoch. Ein Grund stellt sicherlich die gezielte Förderung von Gründungen aus der Arbeitslosigkeit durch Instrumente der aktiven Arbeitsmarktpolitik (z. B. Ich-AG) dar. Im Länderbericht Deutschland des GEM wird auf die geringere Überlebenswahrscheinlichkeit von Gründungen aus der Not hingewiesen und in diesem Zusammenhang insbesondere auf die wachstumspolitischen Nachteile einer zu starken politischen Ausrichtung auf die Förderung solcher Gründungen eingegangen.

In unserer empirischen Analyse betrachten wir diese Frage genauer und versuchen, Antworten auf die folgenden Fragen zu finden: (1) Durch welche sozio-demographischen und andere Merkmale lassen sich die jeweiligen Gruppen charakterisieren? (2) Weisen Gründungen von entweder „necessity“- oder „opportunity“-Gründungen eine höhere Überlebenswahrscheinlichkeit auf? (3) Wenn ja, ist dieser Unterschied auch dann noch statistisch signifikant, wenn die besonderen Charakteristika der jeweiligen Gruppe berücksichtigt werden?

Philipp SandnerUm diese Fragen zu beantworten, verwenden wir Daten des am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) erhobenen Sozio-ökonomischen Panels (SOEP). Die Abgrenzung von „necessity“- und „opportunity“-Gründungen wurde folgendermaßen durchgeführt: Gründer, die angaben, ihren vorherigen Job (im Angestelltenverhältnis) freiwillig gekündigt zu haben, wurden der Gruppe der „opportunity“-Gründer zugerechnet, während hingegen solche Gründer, die aus ihren vorherigen Job gekündigt worden sind, der Gruppe der „necessity“-Gründer zugerechnet wurden. Im Anschluss an diese Unterteilung wurde die Dauer der Selbstständigkeit für jeden einzelnen Gründer separat in Jahren erfasst. Abschließend wurden für jeden im Datensatz enthaltenen Gründer zahlreiche charakteristische Merkmale (z. B. Geschlecht, Nationalität und Ausbildung) hinzugefügt.

Unsere Untersuchung ergab: Die beiden Gründertypen unterscheiden sich in ihren Eigenschaften stark. Gründer, die sich aus der Not heraus selbstständig machen, sind im Durchschnitt älter, waren vor dem Eintritt in die Selbständigkeit länger arbeitslos, kommen eher aus Ostdeutschland und sind seltener in dem Berufsfeld ausgebildet, in dem sie ihre Gründung durchführen. Zudem verdienen sie im Durchschnitt weniger und sind häufiger unzufrieden mit ihrem Job. Keine signifikanten Unterschiede bestehen in Bezug auf die wöchentliche Arbeitszeit und die formale Schulausbildung. Bezüglich der Überlebensdauer unterscheiden sich die beiden Gruppen deutlich: „necessity“-Gründungen „überlebten“ im Durchschnitt 3,5 Jahre, während hingegen „opportunity“-Gründungen eine Überlebensdauer von durchschnittlich 4,2 Jahren aufwiesen. Werden die besonderen Charakteristika jeder Gruppe in die statistische Analyse einbezogen, so ergibt sich jedoch ein völlig anderes Bild. Die Überlebenswahrscheinlichkeiten von „necessity“- und „opportunity“-Gründungen unterscheiden sich nicht mehr statistisch signifikant. Hier kommt insbesondere der Tatsache, ob die Gründung im Bereich eines vorher erlernten Berufs durchgeführt wurde, eine besondere Bedeutung zu. Nur diejenigen „necessity“-Gründer, die nicht in dem Berufsfeld ihrer Gründung ausgebildet sind, haben eine geringere „Überlebenschance“.

Die Ergebnisse liefern interessante Implikationen für die Ausgestaltung der politischen Förderinstrumente im Bereich von Unternehmensgründungen und Selbstständigkeit: Da sich die beiden Gruppen stark unterscheiden, ist zunächst eine differenzierende Förderpolitik sinnvoll. Weitergehend kann die Effizienz der Förderprogramme allerdings deutlich verbessert werden, wenn die spezifischen charakteristischen Merkmale eines Gründungswilligen als Kriterien in die Förderentscheidung eingehen. Eine Förderung sollte sich etwa insbesondere an der Ausbildungsrichtung des Gründers orientieren. Damit war die Einbeziehung derartiger Kriterien im Rahmen der Neuordnung der Ich-AG im November 2004 eine richtige Entscheidung. Dass Förderungen von „opportunity“-Gründern aus wachstumspolitischen Gründen gegenüber „necessity“-Gründern zu bevorzugen sind – einem Standpunkt, der insbesondere im GEM verfolgt wird – kann allerdings nur bedingt zugestimmt werden. Die Überlebenswahrscheinlichkeiten beider Typen von Gründern - „necessity“ und „opportunity“ - unterscheiden sich nicht mehr bedeutend, wenn die spezifischen Charakteristika der Gründer mit betrachtet werden. Letztlich lässt sich zeigen, dass beide Typen von Gründern zwar sehr verschieden in ihren Eigenschaften sind, der Erfolg in der Selbstständigkeit allerdings durch andere Merkmale stärker beeinflusst wird.

Weitere Informationen:
http://ssrn.com/abstract=934722

Kontakt:
Institution:Dr. Theo Schöller-Stiftungslehrstuhl für Technologie- und Innovationsmanagement, Technische Universität München
Name:Dipl.-Kfm. Jörn Block
Email:block@wi.tum.de
Telefon:089-289-25746
Webseite:http://www.tim.wi.tum.de
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